Bukowina
Fläche:
1910: 10.441 km2.
Einwohner:
1851: 380.826
1910: 794.929
Das starke demographische Wachstum, Folge sowohl des natürlichen Zuwachses als auch der Einwanderung, verstärkte den multiethnischen Charakter der kleinen, an der Grenze zu Rußland und Rumänien gelegene Provinz. Zeitgenössische Statistiken zeigen, daß die Rumänen, die 1775, zu Beginn der habsburgischen Herrschaft, die Mehrheit ausmachten, 1848 immer noch 55,4 Prozent der Bevölkerung darstellten, die Ukrainer 28,8 Prozent und die anderen Nationalitäten (Deutsche, Juden, Polen, Armenier usw.) 15,8 Prozent. 1910, bildeten die Rumänen nur noch 34,4 Prozent der Bevölkerung, während 38,4 Prozent Ukrainer waren, 12,9 Prozent Juden, 8,3 Prozent Deutsche, 4,5 Prozent Polen und 1,3 Prozent Ungarn. Obwohl sich die Nationalitäten durch Sprache, Religion, und Sitten voneinander unterschieden, stand ihr Zusammenleben unter dem Zeichen von Toleranz, Verständnis und Zusammenarbeit.
Konfessionell betrachtet war die orthodoxe Religion vorherrschend: In Czernowitz gab es ein orthodoxes Bistum, das 1873 zu einem Erzbistum erhoben wurde. Die ethnische Mannigfaltigkeit führte aber auch zu einer religiösen Vielfalt. 1910 wurden 547.603 Orthodoxe gezählt, d.h. 68,8 Prozent der Bevölkerung (von denen die meisten Rumänen und Ukrainer waren), während 12,9 Prozent mosaisch, 12,3 Prozent römisch-katholisch, 3,2 Prozent griechisch-katholisch und 2,5 Prozent Lutheraner waren.
Während der Revolution von 1848 gelang es der Bukowinaer politischen Elite, die Loslösung der Bukowina von Galizien, wohin sie seit 1786 gehörte, zu erreichen. Als 1860 die Bukowina kurzfristig wieder zu Galizien kam, reichten die Politiker erneut zahlreiche Denkschriften ein, die von Vertretern aller Stände, Nationalitäten und Konfessionen unterschrieben wurden. 1861 wurde die Bukowina als eigenständiges Kronland mit dem Titel eines Herzogtums bestätigt, als welches sie bis zur Auflösung der Monarchie von 1918 existieren sollte.
Durch die Februarverfassung von 1861 wurde der Landtag zum höchsten Organ der Landespolitik. In ihm spielte sich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Nationalitäten ab und dort konnten diese die wichtigsten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Anliegen der Provinz umsetzen. Mit dem Anwachsen des nationalen Bewußtseins und mit der Beschleunigung des politischen Lebens, das infolge der Entstehung der nationalen politischen Parteien aktiviert wurde, verschärfte sich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der politische Kampf unter den Nationalitäten. Die Hauptprotagonisten im Kampf um die politische „Hegemonie“ waren die Rumänen und die Ukrainer. Der Ausgleich von 1910 führte zu einer Verminderung der politischen Spannungen, da eine proportionale Vertretung der Nationalitäten im Landtag und im politischen Leben der Provinz beschlossen wurde. Trotzdem sollte der politische Kampf zwischen den Rumänen und Ukrainern bis zum Ende der Habsburgermonarchie anhalten.
Die 1848 erfolgte Auflösung der Untertanenverhältnisse und die Einführung des freien Eigentums- und Kapitalverkehrs beschleunigten das wirtschaftliche und soziale Leben der Provinz. Obwohl die Landwirtschaft auch weiterhin der dominierende Wirtschaftszweig bleiben sollte, wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der Beschäftigten im industriellen Sektor, aber auch im Gewerbe, bei den Dienstleistungen und im Handel. Die Entwicklung der Verkehrswege und der Bau der Eisenbahn (eine wichtige Rolle spielte dabei die Verbindung Lemberg-Czernowitz-Iaşi) trugen wesentlich zur Ankurbelung der wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse bei. Eine weitere Folge war auch die Zunahme des Stadtbürgertums, in dem die jüdische Bevölkerung einen bedeutenden Platz einnahm.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hob sich das Kultur- und Zivilisationsniveau ständig. Obwohl die deutsche Sprache und Kultur dominierend war, bestand auch für die anderen Nationalitäten die Möglichkeit zu eigener kultureller Entwicklung. In dem gut entwickelten Bildungsnetz kam den Schulen eine wichtige Rolle zu. 1875 wurden die Bemühungen von Constantin Tomaszczuk mit der Gründung der „Franz-Joseph-Universität“ in Czernowitz von Erfolg gekrönt. Da sie die am östlichsten gelegene Universität der Habsburger Monarchie war, stellte sie einen wichtigen Kultur- und Zivilisationsfaktor nicht nur für die Bukowina, sondern für das ganze Grenzgebiet dar. Wenn dazu noch der Bau des Czernowitzer Stadttheaters, die Verbreitung einer großen Anzahl von deutschen, aber auch von rumänischen und ukrainischen Zeitungen und Zeitschriften hinzugezählt werden, wird der multikulturelle Charakter des Herzogtums deutlich.
Die Bukowina nahm unter den Kronländern der ehemaligen Habsburger Monarchie eine Sonderstellung ein. Mit ihrem multiethnischen und multikonfessionellen Charakter lebt sie im kollektiven Gedächtnis als ein Symbol und Modell der Toleranz und des guten Zusammenlebens zwischen den verschiedenen Nationalitäten und Religionen weiter.
Mihai Ştefan Ceauşu