Home/Startseite | Der Archiv Verlag | Presse/PR | Links | AGB | Impressum | Kontakt
Archiv Verlag DeutschlandArchiv Verlag Österreich
Warenkorb
 
Loseblattwerke

Bücher


Schmuck und Uhren

Diverse

Multimedia

Zubehör

Archiv

 

Geschichte der Kronländer
Mähren

Fläche:
1910: 22.222 km2

Einwohner:
1851: 1.799.838
1910: 2.604.857 (davon 71,75 Prozent mit tschechischer und 27,62 Prozent mit deutscher Umgangssprache)

Die Entfaltung des traditionellen Landesbewußtseins und der zunehmende Nationalismus, der später zur nationalen Abgrenzung beider Landesvölker und zu ihrer Suche nach einer Stütze außerhalb der Landesgrenzen führen sollte, kennzeichnen den Modernisierungsprozeß in Mähren. Die starke Betonung der Landesautonomie und die gemäßigt liberalen Reformen standen nicht im Widerspruch zur Loyalität zu Dynastie und Monarchie; im Gegenteil, Mähren wurde im Herbst 1848 zum Sitz des Kaisers und des Reichstages. Die Entwicklung der Presse, der öffentlichen Meinung und der Vereine ermöglichte es den Sprechern beider Landesvölker, ihre eigenen politischen und nationalen Forderungen zu artikulieren und so die Grundlage für die unterschiedliche politische Orientierung beider Nationalitäten zu legen, die bis in die neunziger Jahre durch die Tschechische Nationalpartei und die Deutschliberale Partei repräsentiert wurden.

Nach 1861 übernahm die Nationalpartei die föderalistische und staatsrechtliche Politik ihrer böhmischen Schwesterpartei und schlug im Zentralparlament (1863) und auch im Landtag (1868) eine Abstinenztaktik ein. Rücksichtnahme auf die Wirtschaftsinteressen, das Schulwesen und die Gemeindeselbstverwaltung führten sie jedoch früher als die böhmischen Tschechen in die Parlamente zurück (1873, 1874).

Die Position der Tschechen in Mähren blieb nicht nur viel schwächer als die ihrer Konationalen in Böhmen, sie waren darüber hinaus mit der andauernden wirtschaftlichen und politischen Überlegenheit der Deutschmährer konfrontiert. Diese blieben zwar lange Anhänger der Autonomie Mährens, aber die zunehmenden Aspirationen der mährischen Tschechen und der Fall der deutschliberalen Regierung (1879) führten sie zur nationalen Verteidigungspolitik mit dem Ziel, ihre Position sowohl im Landtag, als auch in den Rathäusern der mährischen Städte und im Schulwesen zu halten. Da der Aufstieg der tschechischen Gesellschaft in Mähren unaufhaltsam schien, bemühten sich die mährischen Deutschen um eine nationale Abgrenzung, aber angesichts der sprachgemischten Gebiete zogen sie die Personalautonomie der territorialen vor. Aus diesem Grund gingen sie auf den nationalen Ausgleich mit den mährischen Tschechen ein (1905).

Diese haben zwar die Mehrheit im Landtag gewonnen, zugleich wurde aber durch die nationale Teilung einiger Landesinstitutionen und durch den anhaltenden Einfluß des Großgrundbesitzes der nationale Status quo gesichert. Trotz aller der Modernisierung inhärenten Trends zur Vereinheitlichung blieb Mähren ein vielgestaltiges und reich gegliedertes Land, und das nicht nur auf Grund von naturräumlichen Bedingungen und der wirtschaftlichen Lage. Neben dem fruchtbaren Mittelmähren und dem entwickelten Weinbau im Süden des Landes gab es wichtige Industriezentren, vor allem das sich dynamisch entwickelnde Ostrauer Kohlrevier mit dem größten Hüttenwerk der Monarchie. Vom wirtschaftlichen Fortschritt Mährens zeugt auch sein Primat bei der Einführung neuer Technologien. Der größte Teil der Industrie und des Finanzwesens blieb jedoch in den Händen des deutschen Bürgertums. Dazu haben auch die spezifischen Siedlungsverhältnisse beigetragen. Die deutsche Bevölkerung lebte außer in kompakter Siedlungsweise im Norden und Süden des Landes in Sprachinseln zerstreut. In vielen mährischen Städten bildete sie die wohlhabendere Schicht, die dank des Wahlsystems die Gemeindestuben und bis 1906 auch den mährischen Landtag beherrschte.

Das Wetteifern zwischen dem Wirtschafts- und Handelszentrum Brünn und dem kulturellen Zentrum Olmütz mit dem Erzbistum, der Universität und der Festung und eine Reihe von Lokalzentren stärkten den Partikularismus und den multikulturellen Charakter Mährens, die nicht nur aus dem Zusammenleben verschiedener Ethnien, sondern auch aus der ethnographischen und sprachlichen Buntheit Mährens und seiner Volkskultur erwuchsen. Vielfältige Mundarten, Trachten, Bräuche und Volksmusikarten in Verbindung mit dem starken Katholizismus bildeten die Grundlage, in der die Landesidentität wurzelte.

Die Anziehungskraft des Deutschen für die nichtdeutsche Bevölkerung ließ jedoch allmählich nach – 1910 bekannten sich z.B. von den rund 41.000 Juden über 77 Prozent zur tschechischen Umgangssprache - und die sprachliche und kulturelle Unifizierung wirkte immer stärker im nationalen Geiste, sodaß Vorbilder oft in Wien und Prag gesucht wurden. Trotzdem war Mähren keine Peripherie beider Zentren, sondern eine eigenständige „Zentrallandschaft zweiten Grades“. Aus ihrem inspirativen multikulturellen Milieu waren außergewöhnliche Persönlichkeiten wie T. Gomperz, E. Mach, T. G. Masaryk, E. Böhm-Bawerk, L. Janáček, S. Freud, E. Husserl, G. Mahler, A. Mucha, O. Březina, J. Redlich, K. Renner, A. Loos, M. Švabinský u.a. hervorgegangen, die ohne Rücksicht auf die Muttersprache und ihre nationale Orientierung Wissenschaft und Kultur bedeutend bereicherten.

Jiří Malíř

Kronländer