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Geschichte der Kronländer
Österreichisch Schlesien

Fläche:
1910: 5.147 km2

Einwohner:
1851: 438.586
1910: 756.949

Zwischen 1782 und 1848 war der Rest des historischen Landes Schlesien, der nach den sogenannten Schlesischen Kriegen des 18. Jahrhunderts bei der Habsburgermonarchie verblieb, administrativ mit Mähren vereinigt. Seit 1848-1849 besaß Schlesien - mit Ausnahme einer kurzen Periode im Winter 1860/61, in welcher Schlesien der Statthalterei in Brünn untergeordet wurde - als Land eine eigene autonome Verwaltung mit einem Landtag (seit 1861), wohingegen es vom Standpunkt der Staatsverwaltung mit einer Landesregierung als oberster Verwaltungsbehörde eingerichtet war, die in der Hauptstadt Schlesiens, in Troppau, situiert war. Während sich in der Regel der territoriale Geltungsbereich der staatlichen und der autonomen Verwaltung der Länder deckte, war das in Schlesien nicht der Fall. Die als Folge einer wechselvollen historischen Entwicklung entstandenen „mährischen Enklaven“ gehörten im verfassungsrechtlichen Sinn zum Land Mähren und entsandten daher ihre Vertreter in den mährischen Landtag, während sie in verwaltungsrechtlicher Hinsicht zum staatlichen Verwaltungsbezirk Schlesien gehörten.

Abgesehen davon bestand das Herzogtum Schlesien aus zwei, durch einen nach Norden zu immer schmäler werdenden Korridor um Mährisch-Ostrau voneinander getrennten Teilen. In den demographischen, wirtschaftlichen, konfessionellen und nationalen Verhältnissen bestanden zwischen der westlichen (Troppauer Schlesien) und der östlichen Hälfte (Teschener Schlesien) des Landes große Unterschiede. Die Ursache dafür lag in der raschen Industrialisierung in Teschener Schlesien (Steinkohlenrevier und Eisenwerke). Im Jahre 1869 lebten in Teschener Schlesien 45,5 Prozent der gesamten schlesischen Bevölkerung, im Jahre 1910 aber schon 57,7 Prozent. Vor dem Ersten Weltkrieg war Schlesien das am meisten industrialisierte Land der ganzen Monarchie, mehr als 46 Prozent aller Berufstätigen waren zur Industrie zugehörig.

Nach Schätzungen aus dem Jahr 1851 lebten in Schlesien 48 Prozent Deutsche, 51 Prozent Slawen (eine präzise Unterscheidung in Polen und Tschechen war damals unmöglich) und 1 Prozent Juden. Im Jahre 1910 waren hier nach der Umgangssprache 43,9 Prozent Deutsche, 31,7 Prozent Polen, 24,3 Prozent Tschechen. Die Deutschen dominierten in Troppauer Schlesien und auch in fast allen schlesischen Städten, in denen sich ihr Anteil an der Bevölkerung bis 1914 sogar erhöhte. Die Polen lebten meistens in der östlichen Hälfte des Landes, ihr Anteil stieg auch im Zusammenhang mit Migrationen aus Galizien. In konfessioneller Hinsicht erhöhte sich der Anteil der römisch-katholischen und auch der jüdischen Bevölkerung. Im Jahr 1910 gab es in Schlesien 84,4 Prozent römischer Katholiken, 13,6 Prozent Protestanten (in Teschener Schlesien 21,5 Prozent, meistens Lutheraner) und 1,8 Prozent Juden (in Teschener Schlesien mehr als 2,5 Prozent). Obwohl der Urbanisierungsgrad an sich hoch war und die Industrieagglomerationen weit verbreitet waren, fehlte es an einer ausgesprochenen Metropole.

In der politischen Entwicklung zeigten sich innerhalb der allgemeinen, zur Demokratisierung führenden Tendenz ausgeprägt nationalpolitische Aspekte. Im deutschen politischen Lager überwogen bis zum Ende der siebziger Jahre liberale Strömungen, später setzten sich die Deutschnationalen (und auch Antisemiten) durch. Die Polen und Tschechen formulierten ihre politischen Programme in Schlesien meistens in den siebziger Jahren. Die tschechisch-polnische Zusammenarbeit, die am Anfang stark von den Ideen der slawischen Wechselseitigkeit beeinflußt war, geriet nach und nach ins Stocken und seit dem Ende der neunziger Jahre machte sie einer Animosität Platz, die in mancher Hinsicht noch zugespitzter als die der tschechisch-deutschen oder polnisch-deutschen Beziehungen waren. Ein Teil der slawischen einheimischen Bevölkerung bekannten sich weder zu den Polen noch zu den Tschechen. Diese sogenannten Schlonsaken (Schlesier) dienten im 19. und noch in der erster Hälfte des 20. Jahrhunderts als Objekt der deutsch-polnisch-tschechischen Rivalität.

Unter den schlesischen Politikern wären der „Bauernbefreier“ vom Jahr 1848 Hans Kudlich aus Lobenstein (Úvalno) sowie das Mitglied des Wiener und Kremsierer Reichstags, späteren Präsidenten des Reichrats und Justizminister Franz Hein zu nennen. Zu den wichtigsten Schlesiern auf dem Gebiete der Wissenschaft gehörten der Naturwissenschaftler P. Gregor Johann Mendel (der freilich seine Vererbungslehre im Brünner Augustinerkloster entwickelte) und der Astronom Johann Palysa. Von den Künstlern sollen die Architekten Joseph Maria Olbrich und Leopold Bauer und einer der bekanntesten tschechischen Poeten seiner Zeit, Petr Bezruč, genannt werden. Unter den Kulturanstalten mit überregionaler Bedeutung sind das Schlesische Landesmuseum (gegr. 1814) und das Troppauer Stadtheater, das die Zeitgenossen als eine der besten Provinzbühnen Mitteleuropas bezeichneten, zu erwähnen.

Nach 1918 spielte Schlesien eher die Rolle eines Objektes als die eines Subjektes. Die Staatsgrenzen wurden nach dem Ende des Krieges schließlich durch die europäischen Machtfaktoren und nicht so sehr gemäß den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerung konstruiert.

Dan Gawrecki

Kronländer