Home/Startseite | Der Archiv Verlag | Presse/PR | Links | AGB | Impressum | Kontakt
Archiv Verlag DeutschlandArchiv Verlag Österreich
Warenkorb
 
Loseblattwerke

Bücher


Schmuck und Uhren

Diverse

Multimedia

Zubehör

Archiv

 

Geschichte der Kronländer
Triest

Fläche:
1910: 95,89 km2

Einwohner:
1846: 80.300
1910: 229.519 (darunter 11.856 Deutsche, 118.959 Italiener, 56.916 Slowenen, 2.403 Serbokroaten, ferner 38.597 Ausländer, meist „Reichsitaliener“)

Trotz einer vorwiegend italienischen Bevölkerung (neben den Italienern lebten in der Stadt Slowenen, Deutsche, Juden, ferner gab es griechische, türkische, serbische, armenische Gemeinden), einer Hafenblockade und eines bewaffneten antiösterreichischen Aufstandes im benachbarten Venedig wurde Triest 1848 nicht zum Schauplatz von echten revolutionären Bewegungen. Das Handels- und Finanzbürgertum war in der Umsetzung seiner Bestrebungen von der Unterstützung durch staatliche Institutionen abhängig, die daher reformiert, aber nicht zerstört werden sollten. Nur eine kleine Schicht bürgerlicher Intelligenz liebäugelte mit der Revolution.

Als Anerkennung für die gemäßigte und weitgehend loyale Haltung kam die Regierung im Jahre 1849 den autonomistischen Wünschen Triests entgegen, indem 1850 die ”Verfassung der reichsunmittelbaren Stadt Triest und ihres Gebietes” erlassen und umgesetzt wurde, in der ihr der Status eines Kronlandes zukam. Während der Gemeinderat in Verwaltung und Gesetzgebung die Funktionen eines Landtages erfüllte, blieb die Stadt im Rahmen der Staatsverwaltung weiterhin Teil des Küstenlandes unter der Führung des Statthalters in Triest.

Seit 1850 war die Stadt auch Sitz der Zentralseebehörde. Die Anwesenheit dieser Behörde unterstrich die Bedeutung Triests für den österreichischen Seehandel, worauf auch die seit 1755 in der Stadt befindliche Börsedeputation hinweist, die 1850 zum Exekutivorgan der neuen Handels- und Industriekammer wurde. Seit den Jahren des Vormärz war in Triest außerdem die Reederei des Lloyd Austriaco tätig. Die Vervollständigung der Südbahn im Jahre 1857 erlaubte eine direkte Anbindung der Schiffahrtslinien an die wichtigsten Produktions- und Konsumzentren der Monarchie.

Die schnelle Modernisierung des wirtschaftlichen und finanziellen Systems führte 1891 zur Abschaffung des Freihafens, der fast zwei Jahrhunderte lang Hauptstapelplatz der Monarchie gewesen war. Die Hafenerneuerung der achtziger Jahre hatten für die Erfordernisse eines großen Transithafens nicht ausgereicht, was 1912 die Errichtung eines neuen Handelshafens notwendig machte. Außerdem bildete sich zunehmend eine industrielle Struktur mit dem Schwergewicht auf dem Schiffsbau, was zu einem beachtlichen Zufluß von Arbeiterproletariat führte. Die in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht lebendige Stadt ruhte auf einem hochentwickelten kulturellen Substrat.

Die Schulen mit deutscher Unterrichtssprache waren staatlich, diejenigen mit italienischer oder slowenischer Unterrichtssprache kommunal. Der Wunsch. in Triest auch eine Universität zu haben, führte zu wilden Dispute zwischen Italienern und Slowenen. Die fehlende Universität wurde durch zahlreiche andere kulturelle Aktivitäten kompensiert, zum Beispiel durch die Bildung einer exzellenten medizinischen und chirurgischen Spitalsstruktur. Die Erfahrungen der Wiener Psychoanalyse, die nach Triest exportiert wurden, trugen zur Blüte einer wichtigen italienischen Literaturströmung bei, deren bedeutendster Exponent Italo Svevo (Ettore Schmitz) war. Triest erlebte auf diese Weise an der Jahrhundertwende seine größte Blüte an literarischer Produktion.

Während sich das Großbürgertum und die Hochfinanz offiziell von allen politischen Angelegenheiten der Stadt fernhielt, engagierte sich vor allem das italienischsprachige Mittel- und Kleinbürgertum in der lokalen politischen Szene und unterstützte die italienisch liberal-nationale Partei, die von 1861 bis zum Ersten Weltkrieg die Mehrheit im Gemeinderat und Landtag Triests innehatte. Der Zuzug zahlreiche „Reichsitaliener“ sowie die Einwanderung vieler Slowenen, die aufgrund wirtschaftlich-sozialer Ungleichgewichte aus den angrenzenden Provinzen der Monarchie kamen, führten zu einer Radikalisierung der politischen Situation Triests.

Der Gegensatz zwischen Italienern und Slowenen eskalierte durch die offene Abneigung der küstenländischen Statthalterei gegen die italienische liberal-nationale Partei, die gegen das Ende des Jahrhunderts aus ihren Vorstellungen über eine Abspaltung von Triest von der österreichischen Monarchie kein Hehl mehr machte. Der slowenische Loyalismus, staatlich gefördert, wurde, im Hinblick auf die tiefe Gläubigkeit eines Großteils der Slowenen, auch von der lokalen Kirche unterstützt, während das italienische Bürgertum seine Gleichgültigkeit gegenüber der Religion und seine Feindseligkeit zum Triestiner bischöflichen Ordinariat offen zur Schau trug.

Der Kriegsausbruch traf Triest schwer. Die Stadt war halb leer, es herrschte totaler ökonomischer Stillstand und schwere Versorgungsmängel. Es gab Prozesse der Militärgerichte gegen Deserteure oder gegen Personen, die der Begünstigung des Feindes bezichtigt wurden. Die Reichsitaliener wurden deportiert, ihr Besitz beschlagnahmt und auch Teile der restlichen Bevölkerung wurde in andere Gebiete der Monarchie umgesiedelt.

Ugo Cova

Kronländer