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Geschichte der Kronländer
Böhmen

Fläche:
1910: 51.947 km2

Einwohner:
1851: 4.385.894
1910: 6.769.548

Böhmen erlebte zwischen 1848 und 1914 einen ungeahnten materiellen und geistig-kulturellen Aufschwung. Dieser war von zwei Zeitströmungen geprägt: vom Liberalismus und vom Nationalismus.

Die Rahmenbedingungen für die entstehende liberal-kapitalistische Gesellschaft wurden während des Neoabsolutismus der fünfziger Jahre und der Erneuerung des Konstitutionalismus in den sechziger Jahren geschaffen. Unter dem Einfluß liberalen Gedankenguts fand eine nachhaltige Änderung der materiellen Basis der Gesellschaft statt. Die tschechische Bauernschaft und die adeligen Großgrundbesitzer intensivierten nach den grundlegenden Veränderungen in den ländlichen Eigentumsverhältnissen ihre Produktion in einem solchen Maße, daß das Land in der Lebensmittelversorgung autark war. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Böhmen zu den industriell führenden Teilen der Habsburgermonarchie. In den waldreichen Randgebieten zwischen Karlsbad und Haida herrschte die Glas, Porzellan- und Keramikproduktion vor; im Kladnoer und Teplitz-Aussiger Gebiet war fast ein Drittel der Kohlenförderung und Eisenproduktion der Monarchie konzentriert. Die Maschinen- und Textilfabriken in zahlreichen Städten Böhmens versorgten nicht nur die Bevölkerung der Monarchie mit ihren Produkten. Die Zuckererzeugung galt als beispielhafte böhmische Exportbranche, weil sie nur einheimische Rohstoffe, Maschinen, Kapitalien und Technologien benutzte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war bereits die Mehrheit der Bevölkerung in Industrie, Verkehr, Handel und im öffentlichen Dienst beschäftigt.

Seit alters her war Böhmen ein zweisprachiges Land. Vor dem Ersten Weltkrieg bekannten sich 4,2 Millionen Einwohner zur tschechischen und 2,2 zur deutschen Umgangssprache. Gerade die fast homogene und kompakte Zusammensetzung des tschechischen Sprachgebietes im Innern des Landes und der deutschen Sprachgebiete an den Rändern, die nur lokal aufgeweicht wurde, führte mehr und mehr zu nationalen Spannungen. Die politischen Interessen der deutschen Bevölkerung waren mit der Erhaltung des zentral verwalteten Staates mit seinem Zentrum Wien verbunden, während die tschechische bürgerliche und adelig konservative Politik nach der Erneuerung des autonomen böhmischen Staates innerhalb des Reiches (bzw. Cisleithaniens) strebte.

Ab der Mitte der achtziger Jahre befand sich das tschechische Element in einem sichtbaren politischen Aufschwung, was mit der Nationalisierung nicht nur der Kultur, sondern auch des Schulwesens, der Selbstverwaltung und der Ökonomie zusammenhing. Die Ergebnisse der liberalen Ära waren daher ambivalent: Einerseits war der allgemeine materielle und kulturelle Fortschritt offenkundig, andererseits spaltete sich das Land immer tiefer in zwei nationale Lager. Die Verteidigung des nationalen Besitzstandes ist damals zur heiligsten Aufgabe der nationalen Politik geworden. Der nationale Antagonismus erfaßte schrittweise alle Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Schon seit 1861 amtierte im Prager Rathaus eine tschechische Majorität. Allmählich verschwand der sprachliche Utraquismus Prags, nicht zuletzt durch die massive tschechische Zuwanderungswelle – Prag zählte vor dem Ersten Weltkrieg mehr als 200.000 Einwohner in den inneren Bezirken (mehr als eine halbe Million inklusive der Vorstädte und umliegenden Gemeinden), und immer mehr Deutsche gewöhnten sich daran, ihr neues Zentrum in dem nahe der Grenze zum Deutschen Reich gelegenen Reichenberg zu sehen.

Die tschechische Kultur und Bildung brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere bemerkenswerte Leistungen auf dem Gebiet der symphonischen Musik und Oper (Bedřich Smetana, Antonín Dvořák), der bildenden Kunst (Josef Mánes, Alfons Mucha, Antonín Slavíček, Josef Václav Myslbek), der Literatur (Božena Němcová, Jan Neruda, Jaroslav Vrchlický) und der Architektur (Josef Zídek, Josef Schulz) hervor, während manche deutsche Künstler (z. B. Gustav Mahler, Rainer Maria Rilke) auch außerhalb des Landes Geltung erlangten. Die existentielle Unsicherheit der Prager Deutschen und Juden spiegelt sich beispielsweise in Kafkas Schöpfungen. Die Gründung zahlreicher höherer Schulen und vor allem die Teilung der Prager Universität 1882 in eine deutsche und eine tschechische ermöglichte es den Tschechen, ihre Eliten ausschließlich in der Muttersprache auszubilden, was einerseits zum intellektuellen Aufstieg, aber andererseits zur kulturellen Abgrenzung der Tschechen innerhalb des Landes und der Monarchie führte.

Trotz zunehmender Spannungen führten erst der Weltkrieg und seine katastrophalen Folgen für das alltägliche Leben der Menschen an der Front und im Hinterland dazu, daß die Möglichkeit der staatsrechtlichen Abtrennung Böhmens vom Wiener Zentrum und der Habsburgerdynastie ins Auge gefaßt und schließlich als internationales Politikum realisiert werden konnte.

Milan Hlavacka

Kronländer