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Daten und Fakten der österreichischen Geschichte

 

Geschichte der Kronländer
Dalmatien

Fläche:
1910: 12.831 km2

Einwohner:
1851: 393.715
1910: 645.666

Definitiv seit 1816 Teil des habsburgischen Länderkomplexes, bestand das „Königreich Dalmatien“ aus einem rund 1.000 km langen, aber nur wenige Kilometer breiten, reichgegliederten Küstenstreifen an der östlichen Adria, mit ca. 800 vorgelagerten Inseln und einem sich der Küste nur an wenigen Stellen bequem öffnenden gebirgigen Hinterland. Zu diesen geographischen Gegebenheiten traten geschichtliche Entwicklungen (Fortwirken provinzialromanischer Einflüsse seit der Spätantike, Besiedlung durch Kroaten im Norden und der Mitte, durch Serben im Süden, Christianisierung sowohl durch Rom als auch durch Byzanz, Ausgreifen Venedigs auf die Küstenstädte, der Osmanen auf das Hinterland etc.), was insgesamt dazu führte, daß die Abschließung der dalmatinischen Küstenzone von ihrem Hinterland verstärkt wurde, während die Öffnung zum und über das Meer hin eine immer größere Rolle spielte. Freilich gerieten im Lauf der Zeit der italienische bzw. italienisierte Stadtadel und das Handelsbürgertum in ihrer Lebensweise in immer stärkeren Gegensatz zur slawischen Landbevölkerung. Der Gegensatz zwischen Land und Stadt sollte schließlich im 19. Jahrhundert auch nationalpolitisch aufgeladen werden.

Sowohl 1848 als auch nach 1867 gab es unter Hinweis auf die geschichtliche Entwicklung Debatten darüber, ob Dalmatien den Ländern der ungarischen Krone einverleibt werden oder bei Cisleithanien (Österreich) verbleiben sollte, in Kroatien führten Landtag und Landesregierung offiziell den Titel „kroatisch-slawonisch-dalmatinischer Landtag bzw. Landesregierung“. Eine juristisch einwandfreie Lösung dieser staatsrechtlichen Problematik ist bis 1918 nicht zustandegekommen, in der Praxis war und blieb Dalmatien ein Teil der „diesseitigen Länder“, allerdings ohne direkte Anbindung an diese. Die österreichische Zentralverwaltung, die lange Zeit Dalmatien nur unter militärisch-maritimen Gesichtspunkten gesehen hatte, bemühte sich später zwar um eine Modernisierung des Landes und eine Verbesserung der Infrastruktur, doch waren die Erfolge nicht sehr groß. Als Grund dafür wird man neben der ungünstigen geographischen Lage und den weltwirtschaftlichen Veränderungen, die die bisherigen Haupteinnahmequellen (Transithandel, Segelschiffahrt, Weinbau, Fischerei) versiegen ließen, die starke Binnendifferenzierung Dalmatiens, lokale Partikularismen, unterschiedliche mental-kulturelle Traditionen zwischen Küste und Hinterland, soziale Differenzierungen in den Städten, das ungelöste Agrarproblem (Kolonat), aber auch den immer stärker werdenden nationalen Zwist und das letztlich doch zu geringe Engagement der Zentrale benennen können.

Dalmatien war und blieb ein Agrarland. Noch 1910 lebten nur 10 % der Bevölkerung in Siedlungen städtischen Typs, über 80 % der Bevölkerung waren in der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei beschäftigt. Die ungünstigen Besitzverhältnisse (meist Klein- und Zwergbesitz) sowie die in manchen Teilen des Landes stark vertretene spezifische agrarische Organisationsform des Kolonats hatten zur Folge, daß ein Großteil der Bevölkerung nahe der Armutsgrenze lebte und diesem Schicksal verstärkt durch Auswanderung zu entgehen trachtete. Der industriell-gewerbliche Sektor war deutlich unterentwickelt, es herrschte eine kleingewerbliche Struktur vor, die wenigen Großbetriebe folgten im wesentlichen auswärtigen Interessen. Das gilt auch für die Verkehrsverbindungen, wo eine Anbindung an das bosnische und kroatische Hinterland bzw. an die wirtschaftlichen Zentren Cisleithaniens im Widerstreit der Interessen Österreichs und Ungarns auf der Strecke blieb. Wirtschaftliche und demographische Kennzahlen sind ebenso Zeichen einer tiefen Krisensituation wie der geringe Alphabetisierungsgrad und der Mangel an weiterführenden Schulen, was wiederum das Entstehen einer breiteren, politisch agierenden Führungsschicht verhinderte.

Lange Zeit war Politik auf die schmalen städtischen wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten beschränkt, erst nach der Jahrhundertwende gelang eine durchgreifendere Politisierung breiter Bevölkerungsschichten. Verlief die politische Front anfänglich zwischen den kulturell und wirtschaftlich italienisch orientierten „Autonomisten“ und den Anhängern einer slawischen „nationalen Wiedergeburt“, die als Fernziel den Zusammenschluß aller südslawischen Länder erstrebten, trat seit den achtziger Jahren der Gegensatz zwischen Kroaten und Serben (die etwa 16 % der Bevölkerung ausmachten, zum Großteil – aber nicht ausschließlich – der orthodoxen Konfession angehörten und primär in Süddalmatien lebten) stärker in den Vordergrund, um nach 1905 wieder einer verstärkten Zusammenarbeit und Gegnerschaft gegen Wien Platz zu machen.

Peter Urbanitsch

Kronländer