Galizien und Lodomerien
Fläche:
1910: 78.497 km2
Einwohner:
1851: 4,555.477
1910: 8,029.387
Bei den seit der ersten Teilung Polens (1772) unter habsburgische Herrschaft gekommenen Landstrichen handelt es sich um ein Gebiet im Nordosten der Donaumonarchie, durch die Gebirgskette der Karpaten von den übrigen habsburgischen Ländern abgegrenzt und von Teschen im Westen bis zum Sbrucz östlich von Tarnopol reichend. Es umfaßte damals ca. 84.000 km2 und zählte rund 2,6 Millionen Einwohner. Vorübergehend um weitere Teile Kleinpolens vergrößert, war nur der Anschluß Krakaüs im Jahr 1846 von bleibender Bedeutung. Die ursprüngliche Zahl der Bewohner hatte sich im Jahre 1857 bereits verdoppelt, betrug 1869 schon 5,4 Millionen und im Jahre 1910 stellten die acht Millionen mehr als ein Viertel aller Einwohner Cisleithaniens dar. Die Bevölkerung Galiziens setzte sich aus mehreren Nationalitäten zusammen: Polen, Ruthenen (Ukrainer) und Juden (die vielerorts die Bevölkerungsmehrheit stellten und sich mit Handel und Gewerbe beschäftigten). Dementsprechend differenziert sah auch die Religionsstruktur aus: Im Jahre 1910 gab es 3,7 Millionen Römisch-Katholische (hauptsächlich Polen), 3,4 Millionen Griechisch-Katholische (Ruthenen) und 0,9 Millionen Juden.
Die Revolution von 1848 hatte in Galizien bedeutsame Reformen in Verwaltung, Wirtschaft, Justiz- und Schulwesen zur Folge. Wichtig war die Abschaffung der Grunduntertänigkeit und der Fronarbeit der Bauern. Es war jedoch erst die konstitutionelle Ära, die Galizien wesentliche Veränderungen brachte. Die Anerkennung der nationalen Rechte der polnischen Gesellschaft und die Entwicklung der Selbstverwaltung hatten einen positiven Einfluß auf die Modernisierungsprozesse im Lande. Der Fortschritt bezog sich vor allem auf eine erhöhte Mitarbeit am politischen System und die Beteiligung am kulturellen Dialog der Jahrhundertwende. Hinsichtlich der Existenzbedingungen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Entwicklung blieb Galizien im Vergleich zu den anderen Teilungsgebieten zurück.
Rund 80 Prozent der Bevölkerung lebten von der Landwirtschaft; dabei war Galizien ein Land der kleinen Bauernwirtschaften, die ein Überleben am Existenzminimum gerade noch ermöglichten. Das Dorf lebte an der Armutsgrenze, wozu die Überbevölkerung und das niedrige Niveau der Landwirtschaftstechnik wesentlich beitrugen. Da die Arbeitslosigkeit unter den Dorfbewohnern permanent anstieg, suchten viele ihr Heil außerhalb der Landwirtschaft, sei es, daß sie überhaupt das Land verließen (bis zum Jahre 1914 emigrierte ca. eine Million Menschen aus Galizien), sei es, daß sie in Industrie und Handel ihr Glück versuchten. Beide Wirtschaftszweige waren mit der Landwirtschaft stark verbunden. Für die Industrieproduktion gab es jedoch längere Zeit hindurch keine guten Entwicklungsbedingungen.
Ein wesentlicher Stagnationsfaktor war der Kapitalmangel. Die galizischen Gutsbesitzer zeigten kein Interesse an der Industrieentwicklung, das bürgerliche Kapital war zu schwach und das Fremdkapital vermied es, hier zu investieren. Gegenüber der schwach entwickelten Fabriksindustrie spielten in Galizien kleine Handwerkerwerkstätten, die für den täglichen Gebrauch produzierten, eine große Rolle. Von überregionaler Bedeutung war bloß die Salz-, Kohlen- und Erdölförderung. Es entwickelte sich allmählich eine chemische Industrie; es entstanden einige große Raffinerien und in Krakau Werke zur Sodaherstellung. Wesentliche Fortschritte erzielte man auf dem kulturellen Gebiet.
Es kam zu einer raschen Entwicklung des Schulwesens, es entstanden neue Presseorgane, ein großes Interesse für Kunst und Kultur machte sich bemerkbar. Man schuf Theater und Bibliotheken, neu entstandene kulturelle Gesellschaften organisierten Musik-, Wissenschafts- und Bildungsveranstaltungen. Dir Programm richtete sich an gebildete Kreise, aber auch an das rückständige Bürgertum und das sich langsam bildende Arbeitermilieu. Lemberg und Krakau wirkten mit ihrer Kultur- und Bildungstätigkeit weit über die Grenzen des Landes hinaus. Die wichtigste kulturelle Institution für ganz Polen war die Krakauer Akademie der Wissenschaften.
Ende des 19. Jahrhunderts kam es zur verstärkten Entwicklung des nationalen Bewußtseins der Ukrainer, die im östlichen Teil Galiziens die Bevölkerungsmehrheit stellten. Es entstanden Parteien, die die Gleichberechtigung mit den im politischen, ökonomischen und kulturellen Bereich privilegierten Polen anstrebten. Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkten sich die sozialen und nationalen Konflikte, der nationale Ausgleich des Jahres 1914 wurde nicht mehr wirksam. Im Ersten Weltkrieg wurde Galizien zum Schauplatz von Kriegshandlungen, die als Spuren zehntausende Soldatengräber auf mehreren Hundert Friedhöfen hinterlassen haben. Im November 1918 ging Galizien in dem wieder erstandenen unabhängigen polnischen Staat auf.
Krzysztof Bronski