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Daten und Fakten der österreichischen Geschichte

 

Geschichte der Kronländer
Görz und Gradisca

Fläche:
1910: 2.918km2.

Einwohner:
1851: 195.297
1910: 260.749

Die Grafschaft Görz und Gradisca unterscheidet sich von den anderen österreichischen Kronländern hinsichtlich ihrer geographischen Grundlagen – von den Alpen bis zur Adria, längs des Isonzo, heute geteilt zwischen Italien und Slowenien –, hinsichtlich seiner langen und ereignisreichen Geschichte (nach jahrhundertelanger Eigenständigkeit kam es um 1500 zum Erbe der Habsburger), vor allem aber hinsichtlich seiner nationalen Zusammensetzung.

Die Grafschaft wurde trotz eines starken Landesbewußtseins von den nationalen Forderungen tief erschüttert, die sich je nach Umständen unvereinbar gegenüberstanden und sich aufschaukelten, zum Schaden für das Gleichgewicht, das auf einer homogenen, wenn auch mehrsprachigen, Kultur aufbaute. 1910 lebten in dem Kronland 59,3 % Slowenen (in Görz nach unterschiedlichen Schätzungen 24,5 bis 34,8 %), 34 % Italiener (in den Städten 47,8 bis 57,9 %) und 1,7 % Deutsche (in den Städten 10,6 %). In jeder Sprachgruppe entwickelten sich eigene Bewegungen und untergliederten sich in liberal-nationale und katholische Gruppierungen.

Die kulturelle Einheit wurde von gemeinsamen Traditionen, von der Presse, vom höheren Schulwesen und von der Kirche unterstützt: Der Fürsterzbischof in Görz, Erbe der Autorität Aquileias, war Metropolit Illyriens, mit den Suffraganen von Triest-Capodistria, Parenzo-Pola, Veglia und Laibach.

Es gab jedoch auf einer vorwiegend agrarischen Grundlage auch tiefe ökonomische und soziale Unterschiede: Bei den kleinen slowenischen Landbesitzern in der Ebene hielten sich Formen von Leibeigenschaft, die schließlich von der katholischen Bewegung korrigiert wurden. Die Industrie war in Görz und später auch in Monfalcone (Schiffswerften, 1908) konzentriert. Wichtige Bahnverbindungen (Südbahn, Wocheinerbahn) führten durch das Land. Die Stadt Görz wurde, nachdem ihr von 1851 bis 1861 ein katholischer Podestà vorstand (C. Doliac), von den italienischen Liberal-Nationalen dominiert, während im Landtag ein unsicheres Gleichgewicht bestand.

Unter den Slowenen herrschte lange Zeit eine Verbindung von wirtschaftlichen, kulturellen und nationalen Aktivitäten vor (citalnice, tabori), geführt von Personen wie A. Gregorčič, A. Gabršček und H. Tuma. Unter den Italienern stellten sich L. Pajer und L. Pettarin gegen die Katholiken L. Faidutti und G. Bugatto, deren Einfluß bis 1914 immer größer wurde, mit einem Programm, das auf Integralismus, Legitimität, nationalem Selbstbewußtsein und sozialer Gerechtigkeit basierte.

Die Sozialisten hatten Schwierigkeiten in den Landtag gewählt zu werden. Die Allianzen zwischen den Parteien wurden meist auf nationalen und nicht auf ideologischen Grundlagen geschlossen: Es kamen jedoch auch Vereinbarungen zwischen katholischen Slowenen und liberalen Italienern gegen katholische Friulaner zustande. Die Dichte der Schulen war vergleichsweise hoch. Staatsgymnasium und Central-Seminar verfolgten unterschiedliche ideologische Ausrichtungen. In Görz, Sitz des Landesmuseums und der Studienbibliothek, erschienen 16 Wochen- und Tageszeitungen. Man besuchte die Universitäten von Wien und Graz.

Als Gegensatz zum traditionellen Gewicht der Aristokratie machte sich das einflußreiche und engagierte Bürgertum in verschiedenster Weise bemerkbar. In der Literatur und der Wissenschaft waren alle Sprachen vertreten, mit großer Häufigkeit und hohen Werten: Das Deutsche (diese Komponente verschwand als erstes), das Furlanische, das Slowenische, das Gradesische und das Italienische: In diesem Milieu treffen wir wichtige Persönlichkeiten aus dem jüdischen Umfeld an, wie G. I. Ascoli und C. Michelstaedter. Unter den Künsten ragten die musikalische Produktion und die Historiographie (K. v. Czoernig, F. Kos) hervor, besondere Bedeutung hatte der Zusammenhang mit der Wiener Kunsthistorikerschule (L. Planiščig, A. Morassi, I. Cankar). Die Stadt Görz wurde erneuert und bedeutend ausgestaltet, unter großem Einsatz historistischer Formen, aber es trugen auch die Vorbilder der Wiener Sezession (M. Fabiani) dazu bei, die auch in den anderen Künsten (I. Brass, L. Spazzapan) positiven Wirkungen zeitigte.

Der Erste Weltkrieg, der nicht zuletzt mit den zahlreichen und blutigen Isonzoschlachten zur Auflösung der Habsburgermonarchie führte, hatte im Görzischen tragische Wirkungen, nicht nur durch die materiellen Zerstörungen, aber vor allem wegen des Verlusts von zivilisatorischen Werten des Zusammenlebens. Die Kräfte, die im Lauf der Geschichte harmonisch zu einer einzigartigen Identität zusammengewachsen waren, trafen nun aufeinander, ohne der Sicherheit der Autonomie, mit zerstörerischen Auswirkungen, sodaß schließlich das Überleben der Grafschaft oder der Provinz Görz selbst in Frage gestellt wurde.

Sergio Tavano

Kronländer