Istrien
Fläche:
1910: 4956 km²
Bevölkerung:
1846: 228.035
1910: 403.566
Bereits seit dem 13. Jahrhundert gehörte ein Teil der Markgrafschaft Istrien (Grafschaft Mitterburg, Herrschaft Castua) zu den habsburgischen Besitzungen, der größere Teil, das venezianische Istrien, kam nach dem Frieden von Campoformido im Jahre 1797 hinzu. Nach der napoleonischen Zeit – Istrien war Teil des Königreichs Italien – bildete die Halbinsel bis zum Ende der Habsburgermonarchie ein eigenes Verwaltungsgebiet innerhalb des Küstenlandes und unterstand der Statthalterei in Triest. Istrien setzte sich aus acht politischen Bezirken zusammen: Rovigno (Rovinj), Capodistria (Koper), Mitterburg (Pisino, Pazin), Parenzo (Poreč), Pola (Pula), Volosca (Volosko) sowie den Quarnerischen Inseln mit den Bezirken Lussin (Lošinj) und Veglia (Krk).
Die Bevölkerung war bis auf eine kleine serbische orthodoxe Minderheit katholisch; in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Diözesanorganisation reformiert und die Zahl der Bistümer auf drei reduziert (Triest-Capodistria, Parenzo-Pola, Veglia).
In nationaler Hinsicht bot Istrien ein sehr vielfältiges Bild: Mit Ausnahme des slowenisch besiedelten Nordens (14,5%) war die Bevölkerung größtenteils kroatisch (44%); in den Küstenstädten lebten vorwiegend Italiener (38%), nur in Pola, das ab 1859 zum österreichischen Kriegshafen ausgebaut wurde, auch Deutschösterreicher (3,5%).
Kultur und Gewerbe waren in den Küstengebieten venezianisch geprägt, was sich in der Architektur, der Lebensart, aber auch in der Beschäftigung mit Handel, Schiffahrt und Schiffbau zeigte. Vor allem auf den Inseln kam auch der Fischfang als wichtiger Wirtschaftszweig hinzu. In den kargen inneristrischen Karstgebieten verdingten sich die sogenannten Tschitschen – rumänische Hirten, die vor Jahrhunderten vor den Türken geflüchtet waren – auf dem nach ihnen „Tschitschenboden“ benannten Landstrich ihren Lebensunterhalt mit Schafzucht, Kohlenbrennerei und Essighandel. In Südistrien lebten die Nachkommen der Uskoken in ärmlichen Verhältnissen. Sie waren wie die Tschitschen vor den Türken geflüchtete Christen, die seinerzeit von den Österreichern angesiedelt worden waren, um als Seeräuber den venezianischen Handel zu stören.
Vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts führten Epidemien und Hungersnöte zu einer weiteren Verarmung der Bevölkerung, viele Menschen zogen auf der Suche nach einem Lebensunterhalt vagabundierend durch das Land. Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte verbesserten sich die Lebensumstände etwas und in den Küstengebieten entwickelte sich ab den 1880er Jahren nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau der Fremdenverkehr zu einem neuen florierenden Wirtschaftszweig, vor allem an der sogenannten „österreichischen Riviera“, um den von der Südbahngesellschaft gegründeten Kurort Abbazia (Opatija), sowie um das Seebad Lussin auf der gleichnamigen Quarnerinsel.
Politisch und kulturell wurde Istrien bis zum Ende der Monarchie von den Italienern dominiert, die sich allerdings ständig gezwungen sahen, ihre privilegierte Position zu verteidigen. Schon am Reichstag des Jahres 1848/49 strebten die italienischen Vertreter Istriens – das kroatische Istrien war nur durch einen Abgeordneten vertreten – mittelfristig einen Anschluß an ein künftiges italienisches Königreich an. Auch der 1861 eröffnete Landtag, der seinen Sitz bis zur Jahrhundertwende in Parenzo hatte – später tagte er dann in Capodistria und Pola –, war italienisch dominiert.
Die nationale Frage, vor allem die Sprachenproblematik, blieb das in- und außerhalb des Landtages am lebhaftesten diskutierte Problem. Die Frage, in welcher Sprache die Verhandlungen und Protokolle geführt werden sollten, wurde bis zum Ende der Habsburgermonarchie nicht gelöst. Versuche der österreichischen Behörden, dem Slowenischen und Kroatischen einen höheren Stellenwert einzuräumen, stießen auf heftigen Widerspruch der Italiener und führten zu tumultartigen Szenen im Landtag. Erfolgreicher war die österreichische Verwaltung im Schulwesen und vor allem im Bereich der Sprachverwendung bei den staatlichen Behörden, hier konnten sich die slawischen Sprachen bis zur Jahrhundertwende immer stärker etablieren, wenn auch die Italiener vor allem im traditionell italienisch geprägten Gerichtswesen ihre Vorrangstellung lange wahren konnten.
Nur durch genaue Kontrollen über den Fortschritt des Spracherwerbs konnten die kaiserlichen Beamten allerdings dazu bewogen werden, im Amtsverkehr mit der lokalen Bevölkerung deren Muttersprache zu verwenden. Wenn auch die komplizierte nationale Situation ständig zu politischen Schwierigkeiten Anlaß gab, wirkte sie sich im kulturellen Bereich sehr positiv aus, so wurde insbesondere die italienische Literatur Triests und Istriens bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein von dieser besonderen kulturellen und nationalen Atmosphäre geprägt.
Andreas Gottsmann