Am Anfang war die Traube
Wann und wie der Wein in die Welt des Menschen Eingang fand, ist
ungeklärt. Er ist vermutlich aber nicht erfunden worden,
sondern eher entdeckt: Vergorener Traubensaft ist unter bestimmten Bedingungen
in der passenden Jahreszeit Teil der Natur.
Frühe Funde
Akzeptiert man Funde von Traubenkernen als Beweise bzw. wenigstens
als Indizien für das Vorhandensein einer Weinerzeugung, so kann
man das 8. vorchristliche Jahrtausend als Datum ihrer Entstehung vermuten
(Funde in der Türkei [Çatal Hüyük], im Libanon,
in Jordanien und in Syrien). Etwa ab 5000 v. Chr. begann der Mensch
damit, die Reben zu kultivieren (Funde in Georgien).
Mesopotamien
In Mesopotamien fanden sich bei Ausgrabungen in den alten Städten
Kisch und Ur Zeugnisse einer Weinkultur aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend;
der Wein dürfte in dieser Weltgegend aber schon wesentlich länger
bekannt gewesen sein. Frühe Zeugnisse einer vorhandenen Weinkultur
stammen aus dem sumerischen Stadtstaat Lagas. Dessen Ensi (= Fürst)
Gudea ließ Ende des 3. vorchristlichen Jahrtausends bewässerte
Terrassen anlegen, auf denen Reben gepflanzt wurden.
Codex Hammurabi
Der Gesetzeskodex des babylonischen Königs Hammurabi (17921750
v. Chr.) enthält unter anderem drei Bestimmungen zum Weinverkauf,
die dadurch auffällig sind, dass die definierten Unregelmäßigkeiten
sogar mit der Todesstrafe bedroht waren. Auch die Gesetzestexte der
Hethiter aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend kannten Regelungen zum
Thema Weinbau.
Gilgamesch-Epos
Das gegen Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends entstandene babylonische
Gilgamesch-Epos enthält unter anderem die Sage von der Sintflut;
hier ist auch davon die Rede, dass der Held Utnapischtim, der babylonische
Noah, die Arbeiter beim Bau der Arche durch Wein zu motivieren
suchte.
Mari
In den Tontafelarchiven der alten Stadt Mari fand man den Bericht
über eine Abordnung des Assyrerkönigs Samsi-Adad I. (17491717
v. Chr.), die auch Wein mit sich führte, sowie über den seinerzeitigen
Weinhandel.
Assyrien
Der assyrische Herrscher Assurnasirpal II. (884859 v. Chr.)
war im Besitz von Weingärten in der Umgebung der Hauptstadt Kalach
(im heutigen Irak). Der große Eroberer Sargon II. (721705
v. Chr.) stattete seine Paläste mit Weinkellern aus. Im Tontafelarchiv
des assyrischen Königs Assurbanipal (668 bis ca. 629 v. Chr.),
das in Ninive gefunden wurde und die bedeutendste Sammlung assyrisch-babylonischer
Literatur enthält, findet man unter anderem auch eine Liste der
besten Weinsorten.
Israel
Verwiesen sei noch auf zahlreiche Bibelstellen, die Hinweise zum
frühen Weinbau im Nahen Osten geben; so wird von König Salomo
(964926 v. Chr.) berichtet: Salomo hat einen Weinberg in
Baal-Hamon. Er gab den Weinberg den Wächtern, dass jeder
für seine Früchte brächte tausend Silberstücke.
(Hohelied Salomos, 8,11) Es kann davon ausgegangen werden, dass
schon zur Zeit der jüdischen Staatsbildung (11. Jahrhundert v.
Chr.) eine längere Tradition des Weinbaus vorhanden war. Die einst
blühenden Wein- und Obstgärten des Heiligen Landes fielen
im 13. Jahrhundert n. Chr. der Politik der verbrannten Erde, die von
den muslimischen Eroberern im Zuge der Zerstörung der Kreuzfahrerstaaten
betrieben wurde, zum Opfer.
Ägypten
In Ägypten war der Weinbau vermutlich bereits seit etwa 2800
v. Chr. bekannt, wie man aus einem damals verwendeten Wortzeichen für
den Wein und aus verschiedenen bildlichen Darstellungen schließen
kann. In einem Grab in Sakkarah wurde die Darstellung zweier Diener
mit Weinamphoren gefunden. Weinkrüge als Grabbeigaben sind für
diese frühe Zeit ebenfalls nachgewiesen.
Weinerzeugung
Seit der 5. Dynastie (ca. 24652325 v. Chr.) war folgende Methode
der Weinerzeugung bekannt: Die Reben wurden durch gegabelte Stangen
gestützt und die Wurzeln bewässert. Die gelesenen Trauben
trug man in Körben auf dem Kopf zu einem steinernen Behälter,
in den sie geleert und anschließend mit den Füßen zerstampft
wurden. Den noch verbleibenden Traubenrest füllte man in einen
Sack, der von mehreren Arbeitern ausgewrungen wurde, sodass kein
Tropfen des kostbaren Saftes verloren ging. In späterer Zeit wurde
dieser Vorgang mit Hilfe einer Winde durchgeführt. In unverschlossene
Krüge gefüllt, konnte der Wein den Gärungsprozess
beenden; verwahrt wurde das fertige Getränk in unten spitz zulaufenden
Vorratskrügen, die mit Lehm luftdicht versiegelt wurden. Dichter
wird die Quellenlage allerdings erst für die spätere Zeit:
Nach Punt
In Darstellungen ägyptischer Expeditionen in das Gold- und Weihrauchland
Punt (vermutlich im heutigen Sudan), die bereits seit dem 3. vorchristlichen
Jahrtausend durchgeführt und unter der Herrschaft der Hatschepsut
(14901468 v. Chr.) intensiviert wurden, wird auch das Thema Wein
behandelt.
Beamtenprivilegien
Unter der Herrschaft des Pharao Thutmosis III. (14901436 v.
Chr.) stand hohen Beamten ein gewisses Quantum Wein zu,
Pharao Sethos I. (13041290 v. Chr.) räumte königlichen
Bediensteten ein ebensolches Privileg ein.
Wein-Zeugnisse in Grabmälern
Das Grab des Sennefer, des Bürgermeisters von Theben unter
der Regierung von Amenophis II. (14381412 v. Chr.), wird von einer
Malerei geziert, die einen Weinstock mit üppig wuchernder Rebe
zeigt. Im Grab des Priesters und Schreibers Nakht in Theben findet sich
eine Wandmalerei, die die Weinlese und das Keltern (durch Zerstampfen
der Trauben mit den Füßen) behandelt; diese Darstellung stammt
aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert. An mehreren Orten, so z. B.
im Palast des Amenophis III. (14021364 v. Chr.), wurden zahlreiche
beschriftete Scherben von Weinkrügen gefunden, die Daten wie Herkunftsort
und Jahrgang verrieten. Das Grab des Tutanchamun (13471338 v.
Chr.) enthielt unter anderem auch dutzende von Weinkrügen, die
teilweise mit Jahresangaben und mit Namen der jeweiligen Winzer beschriftet
waren.
Ramses III.
Pharao Ramses III. (11841153 v. Chr.) erfreute sich an zahlreichen
Rebstöcken in der Nähe seines Herrschaftssitzes und widmete
nebst anderen Gütern seine Weingärten dem Gott
Amun.
Wein und Kult
Hingewiesen sei hier noch auf die besondere Rolle, die der Wein im Götterkult
der Ägypter spielte. So wurde zum Beispiel der Gott Osiris, der
Herrscher des Totenreiches, auch als Gott der Weinbereitung bezeichnet.