Stagnation und Rückgang
Trotz allgemein erzielter Fortschritte in der Weinbauwirtschaft stagnierte
der Weinkonsum weiterhin bzw. nahm er ab. Auch der Prozess der
Aufgabe des Weinbaus in den traditionellen Anbaugebieten setzte sich
fort. In vielen Gegenden wurde jetzt statt Wein der Obstmost erzeugt;
so wurde etwa Oberösterreich zu einem Mostland. Der
Obstmostkonsum stieg seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beträchtlich
an. Nicht zuletzt beeinträchtigte der steigende Bierkonsum den
Weinabsatz; Bier war einerseits billiger als Wein, andererseits führten
die technischen Fortschritte im Brauereiwesen zu einer erheblichen Verbesserung
des Geschmacks des Hopfensaftes, der bis dahin als eher mäßig
beschrieben wurde.
Halbweine und Kunstweine
Im 19. Jahrhundert wurden auch Kunstweine produziert,
die aus verschiedenen Stoffen ohne Verwendung von Traubensaft gemischt
wurden; daneben gab es noch weinhältige Produkte (Halbweine),
denen Wasser und bestimmte Substanzen, die den Weingeschmack erzeugten,
beigemengt waren. Produktion und Verkauf derartiger Erzeugnisse wurden
im Jahre 1880 gesetzlich geregelt. Mehrere Verfälschungsmethoden
waren bekannt, so das Gallisieren, das Chaptalisieren,
das Petiotisieren oder das Scheelisieren; diese
waren nach ihren Erfindern benannt. Zugesetzte Substanzen waren etwa
Glycerin, Zucker oder gar Rosinen. Durch das Weingesetz des Jahres 1907
wurden die Halb- und Kunstweine verboten, und der Zusatz von Zucker
wurde mit Auflagen versehen.
Robert Alwin Schlumberger
Robert Alwin Schlumberger (18141879) wurde zum Initiator der
Sekterzeugung in Österreich. In Frankreich hatte er die Méthode
champenoise kennengelernt; er beschloss, einen solchen Schaumwein
auch in Österreich zu erzeugen. 1843 begann er mit entsprechenden
Versuchen in seinen Weingärten in Bad Vöslau, die schließlich
1846 zum Erfolg führten. Die Marke Goldeck ist die
älteste geschützte Weinmarke Österreichs. Das Getränk
wurde in besseren Kreisen bald sehr beliebt. Schlumberger
war auch in anderer Hinsicht ein Weinbaupionier: In seinen Vöslauer
Anlagen setzte er erstmals in Österreich Pflüge im Weinbau
ein, die später die Haue ablösten. Er arbeitete auch mit Drahtrahmen,
die sich allerdings erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
in Österreich allmählich verbreiteten.
Schädlinge und Krankheiten
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts breiteten sich aus Amerika
eingeschleppte Schädlinge und Krankheiten aus, die zu einer erheblichen
Beeinträchtigung des Weinbaus führten.
Der Mehltau
Unter Mehltau versteht man einen schimmelartigen Belag
auf Pflanzenblättern, der aus dem Mycel der Mehltaupilze besteht.
Den Pflanzen wird mit Hilfe von Saugorganen die Nahrung entzogen; ein
Totalverlust der Ernte kann die Folge sein. Man unterscheidet zwischen
Echtem Mehltau (Oidium; verursacht durch Erysiphaceen) und
Falschem Mehltau (verursacht durch Peronosporaceen). Konnte man dieser
Plagen durch den Einsatz von Spritzmitteln (der Echte Mehltau wird mit
Schwefelpräparaten, der Falsche Mehltau mit Kupferpräparaten
bekämpft) noch Herr werden, so erwuchs dem Weinbau aus einer weiteren
amerikanischen Einwanderin ein weit gefährlicherer Feind, und zwar
die Reblaus aus der Familie der Zwergläuse.
Die Reblauskatastrophe
Die Einschleppung der Reblaus nach Europa bedeutete einen echten Super-GAU
für die europäische Weinwirtschaft, die verheerende Verwüstungen
erlitt. 1868 erreichte sie die Donaumonarchie. Schon 1891 waren z. B.
mehr als 22% der Weinbauflächen in Niederösterreich verseucht,
bis 1912 über 94% (!). Kaum eine Weinbaugegend blieb verschont,
und man suchte in ganz Europa verzweifelt nach Gegenmaßnahmen.
Die Lösung wurde in einem Veredelungsverfahren gefunden: Auf bestimmte,
gegen die Reblaus resistente amerikanische Unterlagsreben wurden europäische
Edelreben aufgepfropft. Die Umstellung war allerdings aufwendig und
teuer, sodass dieser Prozess jahrzehntelang andauerte. Ungarn
litt übrigens nicht so stark unter der Reblaus; einerseits wurden
rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen (Pfropfaktionen), andererseits
stellte sich heraus, dass Gegenden mit Sandböden reblausfrei
blieben, so auch das Alföld, das ungarische Tiefland.
Weinbauschulen
Zur Bekämpfung der Wein-Schädlinge wurden Weinbauschulen gegründet
(u. a.: 1860 Klosterneuburg, 1874 Krems/Donau, 1893 Retz, 1895 Silberberg
bei Leibnitz); darüber hinaus dienen sie bis heute als Ausbildungsstätten,
an denen alle für den Weinbau notwendigen Techniken erlernt werden
können.
Änderungen für die Landwirtschaft
Eine Folge der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 war
das Ende des Feudalismus. Die Grundentlastung wurde durchgeführt.
Scheinen auch die Bauern die ihnen aufgebürdeten Kosten für
die Grundentlastung noch verkraftet zu haben, kam es in den sechziger
Jahren durch die freie Teilbarkeit bäuerlichen Bodens und seine
hypothekarische Belastbarkeit zu einer wachsenden Verschuldung im landwirtschaftlichen
Bereich. Die Weinbauern erhielten überdies verstärkte Konkurrenz
durch eingeführten ungarischen Wein. Um diesen Tendenzen zu begegnen,
wurden die ersten Winzergenossenschaften gegründet.
Der Verein zum Schutze des österreichischen Weinbaues
1884 war das Gründungsjahr des Vereins zum Schutze des
österreichischen Weinbaues, der ab 1892 die Mitteilungen
über Weinbau und Kellerwirtschaft herausgab. 1909 wurde der
Verein umbenannt und hieß jetzt Österreichischer Reichs-Weinbauverein;
ab 1920 trug er den Namen Hauptverband der Weinbautreibenden Österreichs.
Der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg brachte für den Weinbau zahlreiche Probleme
mit sich. Zum Beispiel wurden Substanzen, die zur Erzeugung von Schädlingsbekämpfungsmitteln
benötigt wurden, von der Kriegswirtschaft beansprucht. Da viele
im Weinbau tätige Männer in den Krieg ziehen mussten
und häufig auch nicht zurückkamen, kam es zu einem Mangel
an Arbeitskräften, der teilweise durch Frauenarbeit bzw. durch
den Einsatz von Kriegsgefangenen behoben werden konnte. Durch den Kriegseintritt
Italiens im Jahre 1915 lagen zudem die Weinbaugebiete Südtirols
im Kriegsgebiet; da auch der Weinimport aus Frankreich und Italien wegfiel,
war eine gewisse Weinverknappung zu beobachten. Die ökonomischen
Folgen der Kriegsniederlage mit der Zerschlagung des großen Wirtschaftsraumes
der Donaumonarchie und der Errichtung von Zollgrenzen wirkten sich natürlich
auch massiv auf den Weinbau aus. So gingen etwa mit der Untersteiermark
und Südtirol auch ausgedehnte Weinbaugebiete verloren.
Zwischenkriegszeit
Die Weinanbauflächen auf dem Gebiet des heutigen Österreichs
wurden in den Folgejahren signifikant reduziert, um ab den dreißiger
Jahren durch gesetzliche Förderung wieder zu wachsen. Bereits 1936
wurde die Neuanlage von Weingärten gesetzlich untersagt, die Anpflanzung
von Direktträgern wurde stark eingeschränkt. Die höchstzulässige
Fläche für den Weinbau wurde auf 44.000 Hektar begrenzt. Ende
der zwanziger Jahre begannen die Weinbauern auch verstärkt damit,
ihre Produkte in Flaschen abzufüllen.
Der Zweite Weltkrieg Nach dem Anschluss Österreichs
an das Deutsche Reich galt natürlich auf österreichischem
Territorium auch das deutsche Weingesetz. Es wurden Preisregulierungen
verordnet, landwirtschaftliche Erzeugnisse unterlagen einer Ablieferungspflicht.
Der Zweite Weltkrieg brachte zudem das bereits bekannte Problem des
Arbeitskräftemangels wegen Heereseinberufungen und den damit verbundenen
Todesopfern.
Ausbreitung der Hochkultur
In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts partizipierte auch der Weinbau
am Wirtschaftswachstum. Die Umstellung von der Stockkultur auf die Hochkultur
unter dem Einfluss Lenz Mosers aus Rohrendorf bei Krems, der eine
Senkung des Arbeitsaufwandes zur Erhöhung der Rentabilität
forderte, begann in den fünfziger Jahren und setzte sich bis in
die achtziger Jahre fort. Diese Anbaumethode mit ihren im Vergleich
zur Stockkultur breiteren Reihen förderte die Mechanisierung
im Weinbau, die alle Arbeitsschritte bis auf den Schnitt und die Lese
erfasste. 1965 wurden auf 46% der Anbauflächen Hochkulturen
gepflanzt, in den achtziger Jahren stieg dieser Anteil auf ca. 90%.
Durch Einsatz von Traktoren, mit denen Arbeiten wie die Schädlingsbekämpfung
und die Bearbeitung des Bodens wesentlich erleichtert wurden, wurden
im Lauf der Zeit auch die Zugtiere im Weingarten überflüssig.
Erträge
Die Erträge stiegen kontinuierlich: 1954 wurden 1,6 Millionen Hektoliter
Wein erzeugt, 1964 bereits 2,8 Millionen Hektoliter. Die Jahre 19701984
erbrachten einen Durchschnittsertrag von je 3,5 Millionen hl.
Der Weinskandal
Nachdem es schon vorher Verdachtsmomente gegeben hatte, flog 1985 der
sogenannte Weinskandal auf: Untersuchungen ergaben, dass vielfach
Diäthylenglykol illegalerweise als Weinzusatz verwendet wurde.
In der Folge wurden auch andere weit verbreitete Weinpanschereien aufgedeckt.
Zahlreiche Personen wurden angezeigt und verurteilt. Der angerichtete
Flurschaden war enorm. Das Image des österreichischen Weins war
international viele Jahre lang ramponiert bzw. im Keller. In mehreren
Ländern warnten die Behörden ausdrücklich vor dem Genuss
von Wein aus Österreich, der Weinexport erlitt katastrophale Einbußen,
und auch die Inlandsnachfrage ging zurück. 1987 wurde die Österreichische
Weinmarketingservice-GmbH gegründet, unter anderem, um durch Marketingmaßnahmen
die Folgen des Weinskandals lindern zu helfen.
Qualität statt Quantität
Als Folge des Weinskandals kam es zu einer Neuorientierung im österreichischen
Weinbau. Die Winzer setzten vermehrt auf Qualität und beschäftigten
sich mit dem internationalen Weinbaufortschritt. Der legendäre
Doppler mit Wein von zum Teil fragwürdiger Güte
verschwand zunehmend aus den Regalen der Supermärkte. Viele heute
in Österreich erzeugte Weine müssen den Vergleich mit ausländischen
Spitzenweinen nicht scheuen.
Zahlen
Die Weingartengrunderhebung mit dem Stichtag 1. August 1999 ergab eine
Rebfläche von 48.557,67 ha. Es wurden insgesamt 32.044 Weinbaubetriebe
gezählt, davon befanden sich 18.038 in Niederösterreich, 9.654
im Burgenland, 3.821 in der Steiermark, 497 in Wien und 34 in den restlichen
Bundesländern.
Die Weinbauregionen und Weinbaugebiete
Derzeit sind in Österreich vier Weinbauregionen und mehrere
Weinbaugebiete definiert. Die Weinbauregionen sind das Weinland
Österreich (Niederösterreich und Burgenland), das Steirerland
(die Steiermark), das Bergland Österreich (Oberösterreich,
Salzburg, Kärnten, Tirol und Vorarlberg) sowie Wien. Weinbaugebiete:
das Weinbaugebiet Niederösterreich (mit den Weinbaugebieten Weinviertel,
Wachau, Kremstal, Kamptal, Traisental, Donauland, Carnuntum und Thermenregion),
das Weinbaugebiet Burgenland (mit den Weinbaugebieten Neusiedlersee,
Neusiedlersee-Hügelland, Mittelburgenland und Südburgenland),
das Weinbaugebiet Steiermark (mit den Weinbaugebieten Südoststeiermark,
Südsteiermark und Weststeiermark) und das Weinbaugebiet Wien.
Rebsorten
Die verbreitetsten Rebsorten bei Weißwein sind Grüner
Veltliner, Welschriesling, Müller-Thurgau, Weißer Burgunder
und Riesling, bei Rotwein Zweigelt, Blaufränkisch, Blauer Portugieser,
Blauburger und Blauer Wildbacher.
Ernte 2002
Die Weinernte des Jahres 2002 erbrachte bei einer Anbaufläche
von ca. 46.000 ha etwa 2,6 Millionen Hektoliter Wein.
Ted Konakowitsch