Vorbemerkung
Es ist gewiß ein wenig problematisch, den Zweiten Weltkrieg in die „Chronik zur Militärgeschichte Österreichs“ einzugliedern, war doch Österreich bekanntlich als Staat nicht mehr existent und hatte folglich auch kein Militär – doch die österreichischen Menschen sind ja nicht mit ihrem Staat verschwunden. Immerhin standen etwa 1,2 Millionen Österreicher im Zweiten Weltkrieg - viele freiwillig, viele auch nicht - im militärischen Dienst des „Großdeutschen Reiches“, 247.000 von ihnen starben oder wurden für vermißt erklärt; viele Österreicher kämpften in den Reihen der Alliierten oder als Partisanen um die Befreiung ihrer Heimat. Viele Rüstungsbetriebe auf österreichischem Boden (z. B. die Hermann-Göring-Werke in Linz oder die Nibelungenwerke in St. Valentin) sorgten mit für den Nachschub an Panzern, Flugzeugen u. a.; auch zahlreiche Häftlinge des berüchtigten Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Nebenlager mußten unter katastrophalen Bedingungen für Hitlers Reich schuften.
Die meisten der mehr als 65.000 österreichischen Juden, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden in den Vernichtungslagern des „Dritten Reiches“ grausam ermordet. Mindestens 100.000 Österreicher beteiligten sich in irgendeiner Form an Widerstandsaktivitäten, ca. 2.700 wurden als aktive Widerstandskämpfer hingerichtet, ca. 32.000 kamen in Konzentrationslagern oder Gefängnissen um. Mehr als 24.000 Zivilisten starben bei alliierten Bombenangriffen. Der Verfasser war jedenfalls der Ansicht, daß man einen derart wichtigen historischen Abschnitt aus der österreichischen militärischen Chronologie nicht einfach ausklammern kann, denn: die Bilanz des Zweiten Weltkrieges war auch für Österreich die Bilanz einer Katastrophe.
23. August
Die Außenminister Ribbentrop und Molotow unterzeichnen in Moskau den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt; in einem geheimen Zusatzprotokoll erklärt das Deutsche Reich sein Desinteresse an Estland, Lettland, Bessarabien, Finnland und am östlichen Teil Polens, die Sowjetunion ihres am westlichen Teil Polens sowie an Litauen. Adolf Hitler, der unter allen Umständen das im Versailler Friedensvertrag zur „Freien Stadt“ erklärte Danzig mit dem „Reich“ vereinen will, hat nun praktisch freie Hand für seinen Angriff auf Polen.
25. August
Unterzeichnung eines britisch-polnischen Beistandsvertrages.
30. August
Mobilmachung in Polen.
1. September
Beginn des deutschen Angriffs auf Polen um 4.45 Uhr; 2 Heeresgruppen mit starken Panzerkräften rücken aus Schlesien und Ostpreußen in einer Zangenoperation mit dem Ziel vor, die polnische Armee einzuschließen. Die deutsche Luftwaffe fliegt Einsätze gegen die polnischen Flughäfen und zerstört die gegnerischen Flugzeuge meist noch am Boden; in der Folge werden auch die Eisenbahnlinien lahmgelegt, was die polnische Mobilmachung zusätzlich behindert / In seiner Rede vor dem Reichstag versucht Adolf Hitler, Polen die Schuld für den Krieg in die Schuhe zu schieben („Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“) und bezieht sich dabei auf vorangegangene Grenzzwischenfälle, die in Wahrheit von deutscher Seite vorgetäuscht worden waren, unter anderem auf einen angeblichen polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz.
3. September
Großbritannien und Frankreich erklären dem Deutschen Reich den Krieg; trotz anders- lautender Zusagen an Polen und trotz der Tatsache, daß die deutschen Truppen wegen ihres Engagements in Polen kaum zur Abwehr einer großen Offensive im Westen fähig wären, bleiben die Westmächte, die die Schlagkraft ihrer Truppen zunächst erhöhen wollen, jedoch passiv, wodurch der von der deutschen Generalität befürchtete Zweifrontenkrieg ausbleibt. Frankreich verschanzt sich hinter der Maginotlinie, die durch einige britische Divisionen im Norden entlang der belgischen Grenze verlängert wurde; es beginnt der so genannte „drôle de guerre“, der „seltsame Krieg“, der „Sitzkrieg“ an der Westfront / Militärhistorisches (und blutiges) Kuriosum: Eine polnische Kavalleriebrigade greift in der Tucheler Heide deutsche Panzer, deren Wirkung man offensichtlich verkennt, mit der eingelegten Lanze an / Versenkung des britischen Passagierdampfers „Athenia“ durch das deutsche U-Boot „U 30“ unter Kapitänleutnant Lemp; Deutschland leugnet jede Beteiligung an dem Zwischenfall und behauptet, die britische Regierung habe aus propagandistischen Gründen eine Explosion veranlaßt.
7. September
Deutsche Truppen stehen bereits 60 km vor Warschau.
17. September
Die Rote Armee rückt in Ostpolen ein / Warschau wird von deutschen Truppen belagert / Übertritt der polnischen Regierung nach Rumänien, wo sie interniert wird / Das deutsche U-Boot „U-29“ unter Kapitänleutnant Schuhart versenkt durch Torpedotreffer den britischen Flugzeugträger „Courageous“.
18. September
Die erste große Einschließungsoperation des Zweiten Weltkriegs endet mit der Gefangennahme von ca. 170.000 polnischen Soldaten im Kessel an der Bzura.
27. September
Kapitulation des belagerten Warschau nach schweren Luftangriffen und heftigem Artilleriebeschuß.
28. September
Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags in Moskau; die Demarkationslinie wird nach Osten verschoben, der Großteil Litauens dafür der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen. Ein Zusatzprotokoll vom 4. Oktober regelt den genauen Grenzverlauf entlang der Flüsse Pissa, Narew und Bug / Kapitulation der polnischen Festung Modlin.
30. September
Bildung einer polnischen Exilregierung unter General Sikorski in Frankreich.
2. Oktober
Kapitulation des Kriegshafens Hela in der Danziger Bucht.
6. Oktober
Ende der letzten polnischen Widerstandshandlungen; dem „Blitzkriegskonzept“ mit dem Zusammenwirken von schnellen Panzerverbänden, motorisierter Infanterie, weittragender Artillerie und Luftwaffe hatten die aufopfernd kämpfenden Polen letztlich nur wenig entgegenzusetzen gehabt. Insgesamt mehr als 900.000 polnische Soldaten gehen in deutsche und russische Kriegsgefangenschaft; die Deutschen haben lediglich 10.572 Gefallene zu verzeichnen, die Sowjets 737.
14. Oktober
Das deutsche U-Boot „U 47“ unter dem Kommando von Kapitänleutnant Günther Prien versenkt durch Torpedotreffer das britische Schlachtschiff „Royal Oak“ in der Bucht von Scapa Flow.
25. Oktober
Nachdem zuvor schon weite Teile Polens dem „Großdeutschen Reich“ eingegliedert worden waren, wird die Militärverwaltung im verbliebenen Gebiet aufgehoben; es entsteht eine Art „Nebenland“, das als „Generalgouvernement“ bezeichnet wird und dem „Generalgouverneur“ Hans Frank untersteht. Schon bald beginnen die systematische Liquidierung der polnischen Oberschichten und Intellektuellen sowie die Konzentration der Juden in großen Ghettos. Die Unrechtsmaßnahmen versucht Hitler als Vergeltung für Greueltaten von Polen an Volksdeutschen darzustellen, wobei in der Propaganda die Opferzahlen verzehnfacht werden.
1. November
Die westukrainischen polnischen Gebiete werden der Ukrainischen Sowjetrepublik, der Großteil des nordöstlichen Polen der Bjelorussischen Sowjetrepublik eingegliedert; schon bald kommt es zu Deportationen sowie zu Liquidierungsmaßnahmen (insbesondere an in sowjetische Hand gefallenen polnischen Offizieren; bei Katyn wird man später mehr als 4000 ihrer Leichen finden).
5. November
Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, trägt Adolf Hitler die Bedenken der Generalität gegen die geplante Offensive im Westen vor; Hitler bekommt einen Wutanfall und erwägt sogar Brauchitschs Entlassung.
7. November
Vergeblicher belgisch-holländischer Friedensappell an die kriegführenden Mächte.
8. November
Adolf Hitler entgeht nur knapp einem Attentat des Schreiners Johann Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller.
23. November
In einer Rede vor den Oberbefehlshabern und hohen Offizieren betont Hitler die „Unabänderlichkeit“ seines Entschlusses zum Angriff im Westen.
26. November
Die Sowjetunion beschuldigt Finnland eines Artillerieüberfalles bei Mainila; die diplomatischen Beziehungen werden abgebrochen.
30. November
Die Sowjets beginnen mit der Bombardierung Helsinkis. Am 1. Dezember wird eine „Volksregierung“ unter dem Komintern-Funktionär Otto Ville Kuusinen gebildet; in Helsinki entsteht demgegenüber eine Koalitionsregierung unter Einbezug aller maßgeblichen politischen Kräfte. Die kleine finnische Armee, unterstützt durch zahlreiche Freiwillige aus anderen Ländern, setzt im darauffolgenden „Winterkrieg“ unter dem Befehl Marschall Carl Gustav Mannerheims der sowjetischen Übermacht verbissenen Widerstand entgegen.
13. Dezember
Nach einem Gefecht mit britischen Seestreitkräften vor der Mündung des Rio de La Plata läuft das beschädigte deutsche Panzerschiff „Admiral Graf Spee“ den Hafen von Montevideo an; die uruguayanischen Behörden genehmigen die für die Reparaturarbeiten benötigte Liegezeit jedoch nicht, sodaß das Schiff unter Kapitän Hans Langsdorff nach Ausschiffung der Besatzung am 17. 12. wieder ausläuft und außerhalb der 3-Meilen-Zone gesprengt wird.
13./18. Dezember
Adolf Hitler empfängt in Berlin Vidkun Quisling, den Führer der kleinen norwegischen Faschistenpartei „Nasjonal Samling“; dieser berichtet von britischen Plänen für eine Landungsoperation in Skandinavien, was Hitler seinerseits dazu veranlaßt, unter dem Kennwort „Weserübung“ eine deutsche Operation in Norwegen vorbereiten zu lassen, wobei mit der Planung nicht das Oberkommando des Heeres (OKH), sondern ein Arbeitsstab des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) betraut wird.
14. Dezember
Der Völkerbund verfügt die Verurteilung und den Ausschluß der Sowjetunion wegen deren Angriff auf Finnland.